Das neugotische Herrenhaus Kittendorf steht südlich von Stavenhagen in der Mecklenburgische Seenplatte. Einige Jahre befand sich ein Hotelbetrieb im Schloss Kittendorf. Der zweigeschossige Schlossbau erhebt sich auf einer Anhöhe in einer sanft bewegten Endmoränenlandschaft. Seine nach Süden gerichtete Hauptfassade öffnet sich zu einem weitläufigen Landschaftspark, durch den die Kittendorfer Peene fließt. Unmittelbar neben dem Herrenhaus steht die mittelalterliche Feldsteinkirche. Der heutige Schlossbau entstand zwischen 1848 und 1853 im Auftrag der Familie von Oertzen nach Plänen des Berliner Architekten Friedrich Hitzig. Er gehört zu den bedeutenden Beispielen der Tudorgotik in Mecklenburg. Die historische Gutsanlage befand sich auf der anderen Seite der Dorfstraße.
Frühe Geschichte von Kittendorf
Die Besiedlung der Kittendorfer Feldmark reicht weit in die Vorgeschichte zurück. Steinzeitliche Funde belegen eine frühe Anwesenheit von Menschen. Im Wald soll sich noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Hünengrab befunden haben. Westlich des heutigen Herrenhauses liegt in den Wiesen eine Stelle, die im Volksmund „Oll Hoff“ heißt. Die Geländestruktur weist auf eine frühere befestigte Siedlung hin. Auch eine wendische Herdstelle auf einer der damaligen Hufen belegt die Anwesenheit slawischer Bewohner. Im Zuge der mittelalterlichen deutschen Besiedlung entstand die Feldsteinkirche in westfälischer Bauart. Kittendorf ist spätestens am 18. Mai 1320 in einer lateinischen Urkunde belegt. An diesem Tag trat Johann als Johannes, plebanus in Kyddendorp, Pfarrer zu Kittendorf, gemeinsam mit seinen Brüdern Dietrich und Reimar von Zerbenzin in einer Urkunde in Demmin auf. Die Brüder verkauften dreizehn Hufen im Dorf Prützen an Wolderich, Domherrn zu Güstrow und Pfarrer zu Levin. Spätere Bezeichnungen für Kittendorf waren (Kiddendorpp, Kyttendorp, Kittendorff). Um 1450 bestand das Dorf aus 33 bäuerlichen Besitzstellen, diese verteilten sich auf Bauern und Kossaten. Die Besitzverhältnisse an dem Dorf waren zunächst geteilt. Verschiedene Adelsfamilien hielten Anteile an Kittendorf und an den zugehörigen Rechten. Bis etwa 1500 gehörte Kittendorf als Lehen der aus Holstein stammenden Familie von Breyde (Breide). Daneben besaß die Familie von Voß ältere Ansprüche auf Teile des Ortes sowie das Kirchenpatronat. Dieses blieb bis 1725 bei den von Voß auf Luplow, Flotow und Schwandt. Der Rittersitz derer von Voß war Gievitz, dass nicht weit entfernt von Kittendorf war. Auch das Zisterzienserkloster Ivenack war in Kittendorf begütert. Von den von Breide hatte das Kloster sieben Bauernhufen als Pfandbesitz erhalten.
Von den Familien von Breide und von Malzahn zu den von Blücher
Um 1500 starb die Familie von Breide im Mannesstamm aus. Sie stammte aus Holstein und hatte Kittendorf vermutlich im 14. oder 15. Jahrhundert erworben. Die Familie besaß weitere Güter in der Region. Mit der Breide’schen Erbtochter waren das Gut und die damit verbundenen Besitzansprüche zunächst an ihre Ehemänner Hans von Schwerin und Vollrath von Preen gebunden. Nach dem Erlöschen der Familie im Mannesstamm fiel ein großer Teil des Besitzes an den Landesherrn zurück.
Am 5. August 1500 wurde Behrend (Bernd) von Malzahn auf Wolde durch die Herzoge Magnus und Balthasar von Mecklenburg mit Kittendorf belehnt. Zwischenzeitlich verlor Bernd von Malzahn im Zuge von Auseinandersetzungen mit den Herzögen von Pommern und Mecklenburg den Besitz von Kittendorf und Penzlin. Am 28. März 1516 erhielt er beide Güter zurück. Im Gegenzug verpflichtete er sich, den mecklenburgischen Herzögen einen Monat lang mit 60 Reitern zu dienen. Kittendorf gehörte zu dieser Zeit zur Herrschaft Penzlin, entwickelte sich später jedoch zum Sitz eines eigenen Zweiges der Familie von Malzahn, deren Name auch in der Schreibweise Maltzan begegnet. Die Familie von Malzahn prägte die weitere Geschichte des Gutes über mehr als anderthalb Jahrhunderte. Der Besitz war von Verpfändungen, Erbansprüchen und wiederholten finanziellen Belastungen gezeichnet. Bereits 1629 musste Franz Joachim von Malzahn das Gut mit Schulden belasten. Unter ihm und seinen Erben wuchsen die Verbindlichkeiten weiter an. Unter den Malzahn wurde auch die Ausstattung der Dorfkirche erweitert. Zwischen 1596 und 1603 entstanden eine Kanzel und ein Altaraufsatz, außerdem wurde für die Familie eine Empore im Altarraum errichtet. Die drei Teile sind als Renaissance-Schnitzwerke ausgeführt. Die Kanzel zeigt in ihren Füllungen Christus und die vier Evangelisten. Eine niederdeutsche Inschrift erinnert an den Beginn des Johannesevangeliums.
Die Entwicklung des Gutes wurde anschließend durch den Dreißigjährigen Krieg tiefgreifend unterbrochen. Besonders in den 1630er Jahren litt Kittendorf unter den Kriegsereignissen. Das Visitationsprotokoll von 1648 beschreibt ein weitgehend zerstörtes und abgebranntes Dorf. Neben Pfarrhaus und Küsterei war nur noch der Freiherrliche Hof als bewohnbarer Teil der Anlage erhalten. Auch die Kirche war beschädigt. Von den früher vorhandenen Hofstellen war nur ein kleiner Teil wieder aufgebaut. Im Visitationsprotokoll von 1662 werden drei wiederhergestellte Bauernstellen genannt, während zuvor 17 Bauernstellen bestanden hatten.
1648 gehörte Kittendorf Franz Joachim Freiherr von Malzahn. Er hatte 1639 Anna Maria von Blücher geheiratet; die Ehe blieb kinderlos. Nach seinem Tod um 1647/48 blieb seine Witwe zunächst auf dem Gut und heiratete später später den schwedischen Major und späteren Generalmajor Bernhard von Sanitz. Die Besitzverhältnisse waren kompliziert. Erbansprüche, Pfandrechte und die Folgen der Kriegszerstörungen belasteten das Gut. 1665 wurden Erben mit 4.000 Gulden abgefunden. Bernhard von Sanitz starb vor 1678, Anna Maria von Blücher von Sanitz wenig später.
Die komplizierte Besitzgeschichte führte im 17. Jahrhundert erneut zu den von Blücher. Zu den wichtigsten Gläubigern gehörte Joachim Ernst von Blücher, fürstbischöflich-eutinischer Stallmeister und späterer Hofmarschall. Seine Forderungen beliefen sich auf rund 40.000 Gulden beziehungsweise 20.000 Taler. Vor 1690 wurde ihm Kittendorf deshalb als Pfand überlassen. 1690 erwarb von Blücher außerdem sieben wüste Bauernhufen, die zuvor zum Amt Ivenack gehört hatten, von Herzog Gustav Adolf für 800 Taler. Herzog Friedrich Wilhelm bestätigte den Kauf 1696. Damit vergrößerte sich der Umfang des Gutes, während die Besitzverhältnisse weiterhin durch Pfandrechte und ältere Ansprüche geprägt blieben. Diese Flächen waren später Gegenstand eines langwierigen Rechtsstreits zwischen dem Gut und dem herzoglichen Besitz
Die wirtschaftliche Situation des Penzliner Besitzkomplexes blieb schwierig. Georg Julius Maltzan aus der Penzliner Linie hatte zahlreiche Güter verpfändet und verkauft. Auch Kittendorf war hoch verschuldet. Die offenen Forderungen beliefen sich auf 46.196 Gulden, darunter 6.112 Gulden für den Bau eines neuen Wohnhauses in Kittendorf. Die Schuldsumme wurde schließlich mit 40.000 Gulden angesetzt; zusätzlich erhielt der bisherige Besitzer 4.000 Gulden in bar.
Am 4. Oktober 1700 trat Georg Julius Maltzan das Gut erneut an Maria Elisabeth von Blücher, geborene von Parkentin und Witwe des Joachim Ernst von Blücher, als Pfandbesitz ab. Der Pfandvertrag wurde auf zehn Jahre begrenzt und am 19. September 1701 landesherrlich bestätigt. Am 27. August 1711 erwirkte August Christian von Blücher, Sohn des Joachim Ernst und Hofmarschall, eine Verlängerung um weitere zwölf Jahre bis zum 19. September 1723. 1701 kamen außerdem zwei zuvor zu Kittendorf gehörende Bauernstellen in Jürgensdorf erblich in den Besitz von Maria Elisabeth von Blücher. 1702 befanden sich Dorf und Meierei Kittendorf im Pfandbesitz der Familie von Blücher. Das Gut war damit Teil eines größeren Geflechts von Gütern, Vorwerken, Schulden und Pfandrechten, das sich über mehrere Generationen entwickelt hatte.
Eine weitere Auseinandersetzung betraf sieben wüste Bauernhufen, die ursprünglich zum Amt Ivenack gehört hatten. Joachim Ernst von Blücher hatte diese Flächen 1690 von Herzog Gustav Adolf für 800 Taler erworben; Herzog Friedrich Wilhelm bestätigte den Kauf 1696. Im Zuge einer Neuordnung des Besitzes wurden die sieben Hufen 1703 jedoch den Erben des Generals Franck zugeschlagen. Der Besitzer von Kittendorf widersprach dieser Zuordnung. Erst 1770 endete der langjährige Rechtsstreit mit der Übertragung der Flächen an Kittendorf. Sie wurden damit freies Eigentum der Familie von Oertzen, sogenanntes Allodialgut.
Auch das Kirchenpatronat war Gegenstand von Besitzvereinbarungen. Am 14. August 1725 erwarb August Christian von Blücher von Friedrich Ernst von Voß auf Flotow und Joachim von Voß auf Luplow, mit Zustimmung ihres Vetters Adam Carl von Voß auf Schwandt, das Pfarrlehen und Patronatsrecht der Kittendorfer Kirche. Die Vereinbarung sah zunächst eine Verpfändung auf 80 Jahre für 500 Taler vor. Zugleich verzichteten die von Voß auf ihre künftigen Ansprüche auf das Patronatsrecht zugunsten von Blücher und dessen Nachkommen. Die landesherrliche Bestätigung ließ über 25 Jahre auf sich warten, so dass das Gut, das Pfarrlehnen und die Patronatsrecht nicht mehr im Besitz der Familie von Blücher war. Erst am 11. April 1752 erhielt der neue Besitzer Kittendorfs, der Kammerjunker Georg Ludwig von Oertzen (1716-1786), den erforderlichen lehnsrechtlichen Konsens. Damit ging auch das Kirchenpatronat in die Verfügungsgewalt der Familie von Oertzen über.
Übergang des Gut Kittendorf an die Familie von Oertzen
1751 kam es zum entscheidenden Besitzwechsel. Da August Christian von Blücher keine überlebenden männlichen Nachkommen hatte und seine drei Söhne früh verstorben waren, sollte der Besitz unter seinen Schwiegersöhnen aufgeteilt werden. Am 28. April 1751 ließ er die beiden Schwiegersöhne Georg Ludwig von Oertzen (1716-1786), Kammerjunker auf Lübbersdorf, und Ernst Ludwig von Blücher auf Suckow um Kittendorf und Clausdorf losen. Das Los fiel auf von Oertzen. Er übernahm noch zu Lebzeiten seines Schwiegervaters Kittendorf mit den zugehörigen Besitzungen sowie Clausdorf. Am 1. November 1751 erhielt er eine weitere Verlängerung des Pfandvertrags über Kittendorf um zwölf Jahre. Auch der Besitz der sieben früheren Ivenacker Bauernhufen wurde ihm am 18. Oktober 1751 erneut bestätigt. Damit begann die bis 1945 dauernde Besitzzeit der Familie von Oertzen über das Gut.
Der Übergang an Georg Ludwig von Oertzen bedeutete jedoch noch keine abschließende rechtliche Klärung der Besitzverhältnisse. Im Dezember 1753 wurde das Lehnrecht der Familie von Maltzan an Kittendorf für hinfällig erklärt. Anschließend verhandelten von Oertzen und die Freiherren von Maltzan aus der Penzliner Linie über den ehemals Maltzan’schen, im Jahr 1700 verpfändeten Teil des Gutes. Am 8. September 1765 schlossen sie in Berlin einen Kaufvertrag, der am 15. Februar 1766 landesherrlich bestätigt wurde. Der Oberstallmeister Joseph Christian Heinrich von Maltzan, Freiherr auf Penzlin und Wartenberg, übertrug das Lehn für 6.000 Taler Gold an von Oertzen. Die Auseinandersetzungen um die sieben wüsten Bauernhufen von Ivenack dauerten unterdessen an. Obwohl Georg Ludwig von Oertzen deren Besitz 1751 erneut bestätigt worden war, versuchte die herzogliche Kammer zwischen 1767 und 1771, die Flächen als Bestandteil des Domaniums zurückzufordern. Das Verfahren endete zugunsten von von Oertzen. Bereits 1770 waren die sieben Hufen endgültig Kittendorf zugesprochen worden. Sie gehörten damit als freies Eigentum, sogenanntes Allodialgut, zum Besitz der Familie von Oertzen. Zu Kittendorf gehörten weitere Flächen und Vorwerke. Südlich des Ortes lag Clausdorf, früher Klostorf genannt, das zeitweise mit Kittendorf verbunden war und 1751 gemeinsam mit dem Gut an Georg Ludwig von Oertzen fiel. Das Vorwerk Mittelhof entstand als Ersatz für das im Dreißigjährigen Krieg untergegangene Dorf Haselow. Seine Lage zwischen Kittendorf und Clausdorf gab ihm den Namen. Ein weiteres Vorwerk war Oevelgünde. Es wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Fläche der früheren sieben Ivenacker Bauernhufen angelegt. Der Name wurde mit den früheren Auseinandersetzungen um diese Flächen in Verbindung gebracht.
Die langjährigen Kriegsbelastungen hatten die wirtschaftliche Entwicklung des Gutes erheblich beeinträchtigt. Erst kam es zu Schäden durch russische Truppen, später dann durch preußische Die Schäden aus den Jahren 1714 bis 1719, als russische Truppen in der Region standen, Nach Zugleich hatte die Familie von Oertzen umfangreiche Bauvorhaben verwirklicht. 1751 wurde auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus aus dem 16. Jahrhundert ein neues Gutshaus errichten. Das zweigeschossige Fachwerkgebäude besaß ein hohes Walmdach und rückwärtige Flügel. Zusätzlich wurde der gesamte Hof mit seinen Wirtschaftsgebäuden neu errichtet. Die Baukosten für diese Anlagen beliefen sich auf 7.000 Taler. Hinzu kamen 1.500 Taler für den Neubau der Mühle und die Anlage eines neuen Gartens sowie jeweils 2.000 Taler für neue Wirtschaftsgebäude in Mittelhof und Oevelgünde. Weitere 2.000 Taler entfielen auf neue Häuser im Dorf Kittendorf.
Am 7. Juli 1766 wurden Georg Ludwig von Oertzen und seine männlichen Nachkommen in absteigender Linie mit dem ehemals Maltzan’schen Teil Kittendorfs belehnt. Nach deren Aussterben sollten die männlichen Verwandten der Familie von Oertzen bis zum vierten Grad sowie die Linien aus den Häusern Barsdorf, Kotelow und Blumenow folgen. Damit war die rechtliche Grundlage für den Besitz der Familie von Oertzen gefestigt. 1766 ließ die Familie von Oertzen auf dem alten Wirtschaftshof weitere Wohn- und Wirtschaftsgebäude errichten und verlegte ihren Hauptsitz von Lübbersdorf nach Kittendorf. Der Gutshof lag getrennt vom Herrenhausbereich auf der anderen Seite der Dorfstraße. Eine Mauer aus Feldsteinen und hart gebrannten Ziersteinen trennte das Schlossgelände vom Dorf. Vom sogenannten „Zimmer des Herrn“ aus ließ sich der Wirtschaftshof überblicken.
Georg Ludwig von Oertzen starb am 28. Mai 1786 in Kittendorf. Aus seiner ersten Ehe mit Marie Friederike von Blücher hatte er zwei Töchter. Seine zweite Ehefrau, Friederike Freiin von Maltzahn, überlebte ihn und übernahm die Vormundschaft für die gemeinsamen Kinder, darunter den Sohn Gustav Dietrich von Oertzen (1772-1838). Dieser wurde später Landrat und führte die Entwicklung des Gutes fort. Bereits 1788 übernahm er die Bewirtschaftung von Kittendorf, Federow und Marin. 1790 legte er nach Erreichen des 18. Lebensjahres die erforderlichen Lehns- und Homagialeide ab. Damit begann die nächste Generation der Familie von Oertzen, die Kittendorf im 19. Jahrhundert weiter prägen sollte.
Landwirtschaftliche Reformen und die Entwicklung im 19. Jahrhundert
Eine wichtige Veränderung im Verhältnis zwischen Gutsherrschaft und Dorfbevölkerung erfolgte unter Gustav Dietrich von Oertzen (1772-1838), Landrat und Gutsherr in Kittendorf. Er hatte die Bewirtschaftung der Güter Kittendorf, Federow und Marin bereits 1788 übernommen und wurde am 13. März 1792, kurz nach seinem zwanzigsten Geburtstag, zum Landrat des Herzogtums Güstrow gewählt. 1795 wurde er herzoglich mecklenburg-schwerinscher Kammerherr. Von 1802 bis zur Auflösung des Hof- und Landgerichts Güstrow im Jahr 1818 war er dort als Assessor tätig. Während der Kriegsjahre von 1806 bis 1815 übernahm er wichtige Aufgaben für die Landesregierung. Darüber hinaus gehörte er der Schuldentilgungs-Kommission in Schwerin und seit 1819 der Direktion des Mecklenburgischen ritterschaftlichen Creditvereins an. Auch in der Landwirtschaft und in wissenschaftlichen Vereinigungen engagierte er sich.
Gustav Dietrich von Oertzen erweiterte den Familienbesitz durch den Ankauf des Gutes Jürgenstorf im Jahr 1798. 1804 erwarb er außerdem Marin, das sein Vater zunächst pfandweise besessen hatte. Federow veräußerte er später und kaufte stattdessen Stuer-Vorwerk mit Klein- und Groß-Stuer-Vorwerk. Zugleich ordnete er die rechtlichen Besitzverhältnisse neu. 1832 nahm er auch den bislang als Allodialbesitz geführten Teil Kittendorfs in das Lehn auf. Damit wurde Kittendorf vollständig zum Lehen. Im Gegenzug entfiel die Verpflichtung, für das Lehngut Marin bei jedem Besitzwechsel einen neuen Lehnsbrief zu beantragen.
Im selben Jahr erfolgte eine grundlegende Veränderung im Verhältnis zwischen Gutsherrschaft und Dorfbevölkerung. Gustav Dietrich von Oertzen befreite elf Bauern von der Leibeigenschaft und wandelte ihre bisherigen Zeitpachtverhältnisse in Erbpacht um. Ihre Feldmark wurde neu vermessen und an das Nordwestende der Kittendorfer Feldmark verlegt. Dort entstanden die neuen Hofstellen in geschlossener Reihe. Das Gut stellte das erforderliche Baumaterial zur Verfügung. Im Herbst 1832 zogen die Bauern in ihre neuen Wirtschaften ein. Zum hundertjährigen Jubiläum wurde 1932 ein Gedenkstein aufgestellt. Seine Inschrift lautete: „Von 1832-1932 uns Heimaturt“.
Auch die Parkanlage ließ Gustav Dietrich von Oertzen verändern. 1836 erneuerte er den südlichen Parkbereich. Nach seinem Tod am 5. Juli 1838 wurde der umfangreiche Familienbesitz unter seinen vier Söhnen aufgeteilt. Am 27. Dezember 1839 losten die drei jüngeren Brüder in Schwerin um Kittendorf mit seinen zugehörigen Besitzungen, Jürgenstorf und Marin. Kittendorf fiel an Hans Friedrich von Oertzen (1816-1902), Marin an Carl Diederich von Oertzen und Jürgenstorf an Georg Ludwig von Oertzen. Hans Friedrich, damals Seconde-Lieutenant im preußischen Regiment Gardes du Corps in Potsdam, übernahm damit das Gut, das seine Familie seit 1751 besaß. Hans Friedrich von Oertzen (1816-1902) hatte seit 1841 seinen ständigen Wohnsitz in Kittendorf. Er war Zögling der Ritterakademie Brandenburg und später Offizier im Regiment der Gardes du Corps, Kammerherr des Großherzogs Friedrich Franz II. und ein bedeutender Politiker in Mecklenburg-Schwerin. Der Großherzog besuchte das Herrenhaus wiederholt. In Kittendorf wuchsen auch seine Kinder auf, darunter Gustav von Oertzen, der später im kolonialen Verwaltungsdienst tätig war, und Paula von Oertzen, die den britischen Biologen George Henry Falkiner Nuttall heiratete. 1855 richtete er über das 1.600 große Gut Kittendorf und den dazugehörigen Vorwerke Mittelhof und Oevelgünde ein Familienfideikommiss mit Majoratsfolge ein. Der Besitz sollte damit nach festgelegten Regeln innerhalb der Familie weitergegeben werden. Das Gut Kittendorf blieb bis zur Enteignung 1945 in der Hand der Familie von Oertzen.
Der Bau des heutigen Herrenhauses
Hans Friedrich von Oertzen (1816-1902) ließ zwischen 1848 und 1853 das heutige Herrenhaus Kittendorf nach Plänen des Berliner Architekten Friedrich Hitzig (1811-1881) errichten. Hitzig war Schüler Karl Friedrich Schinkels und gehörte zu den bedeutenden Berliner Architekten des 19. Jahrhunderts. Als architektonisches Vorbild diente Schloss Babelsberg bei Potsdam, das Schinkel 1833 entworfen hatte und dessen Bau Ludwig Persius ab 1834 leitete. Mit dem Herrenhaus Kittendorf entstand ein Bauwerk, das die englisch geprägte Tudorgotik aufgriff und in die mecklenburgische Gutslandschaft übertrug. Die Bauzeit ist in eine Stufe am Haupteingang eingemeißelt.
Das Herrenhaus ist ein zweigeschossiger Putzbau mit unregelmäßigem L-förmigem Grundriss. Seine asymmetrische Gliederung wird durch unterschiedlich gestaltete Baukörper, Türme, Erker und Zinnen geprägt. An der Südostecke erhebt sich ein schlanker, fünfgeschossiger achteckiger Turm, der die Ost- und Südfassade miteinander verbindet. Das Gebäude besitzt zwei Hauptfassaden. Die nach Osten gerichtete Zufahrtsseite wird durch einen dreiachsigen Risalit mit gedeckter Durchfahrt und darüberliegendem Altan bestimmt. Die Südfassade ist dem Landschaftspark zugewandt. Hier gliedert ein ebenfalls dreiachsiger Mittelrisalit die Front, seitlich gerahmt von schmalen turmartigen Bauteilen. Über den Fenstern befindet sich das Wappen der Familie von Oertzen.
An der Westseite schließt sich eine eingeschossige Orangerie an, die Friedrich Hitzig als „Blumenhalle“ bezeichnete. Das vierachsige Gewächshaus wird durch einen schmalen, zweigeschossigen turmartigen Abschnitt und einen eingeschossigen Wintergarten mit Dachterrasse ergänzt. Tudorbogige Fenster- und Türöffnungen, rechteckige Fenster mit Bekrönungen und ein Zinnenkranz mit kleinen Aufsätzen auf Konsolen unterstreichen den Tudorstil. Vor der Südfassade liegt eine breite Terrasse, die durch eine Feldsteinmauer mit Balustrade vom tiefer gelegenen Park getrennt ist. Eine breite Treppe führt in die Gartenanlage. Der Balkonvorbau und die Fensterordnung des Mittelrisalits betonen die Mittelachse der Parkfassade und richten den Blick auf den englischen Landschaftspark mit seinen Wasserläufen.
Auch die Innenräume verbinden Wohnfunktion und Repräsentation. Zu den wichtigsten Räumen zählen die Eingangshalle, der Speisesaal, der Gartensaal, der Festsaal und die Bibliothek. Der Festsaal erstreckt sich über zwei Geschosse und wird durch ein Oberlicht erhellt. Die privaten Wohnräume der Familie lagen im nordwestlichen Flügel. Die Stuckarbeiten sind auf die Funktion der einzelnen Räume abgestimmt. In der Eingangshalle finden sich landwirtschaftliche Motive, der Festsaal ist mit figürlichem Schmuck ausgestattet und im Gartensaal greifen Fruchtmotive die Verbindung zur Gartenlandschaft auf. Im Südostturm befindet sich ein Sternmotiv.
1875 wurde das Herrenhaus an der Nordwestseite um einen weiteren Wohnflügel erweitert. Dieser nahm auf jedem Geschoss drei Räume auf und vergrößerte den Wohnbereich. 1919 führte der Architekt Paul Korff Bautätigkeiten im Auftrag des Kammerherrn von Oertzen aus. 1930 ließ Fritz Helmuth Gustav Wilhelm Hans von Oertzen (1898-1965) die Pergola an der südlichen Terrasse und zwei Treppenanlagen entfernen. Damit veränderte sich die Gestaltung des Übergangs zwischen Herrenhaus und Landschaftspark.
Landschaftspark und Gutsanlage
Der Landschaftspark erstreckt sich südlich und westlich des Herrenhauses. Seine Gestaltung folgt den Prinzipien des englischen Landschaftsparks mit offenen Wiesenflächen, Baumgruppen, geschwungenen Wegen und gezielt angelegten Sichtbeziehungen. Das Herrenhaus steht auf einer Anhöhe, von der aus sich die tiefer liegende Parklandschaft erschließt. Terrassen und Treppen vermitteln zwischen dem Gebäude und dem Gelände. Die Wirkung der Anlage entsteht aus dem Zusammenspiel von Architektur, Wasserflächen, Gehölzen und offenen Rasenbereichen.
Im 19. Jahrhundert umfasste der Park rund 110 Hektar. Heute sind etwa 20 Hektar erhalten. Eine eindeutige Zuschreibung der Planung an Peter Joseph Lenné ist nicht gesichert. Die überlieferten Gestaltungselemente zeigen jedoch die für Landschaftsparks dieser Zeit charakteristische Verbindung von freiem Gelände, Baumgruppen und inszenierten Blickbeziehungen. Zwei vierreihige Lindenalleen gehören zu den markanten Elementen der Anlage. Sie verlaufen westlich des Herrenhauses rechtwinklig zueinander. Eine der Alleen ist etwa 300 Meter lang und bildet zugleich die nördliche Parkgrenze. Die Kittendorfer Peene fließt durch den englischen Landschaftspark und wurde zu einem Teich aufgestaut, in dem zwei künstliche Inseln angelegt wurden. Der Wasserlauf setzt sich durch die Parklandschaft fort und bildet zusammen mit den Gehölzen einen wichtigen Bestandteil ihrer räumlichen Gliederung. Die erhöht liegende Terrasse vor der Südfassade eröffnet den Blick auf die Wasserflächen und die tiefer gelegenen Parkbereiche.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts umfasste der Wirtschaftshof rund zwölf Gebäude. Dazu gehörten Stallungen und weitere landwirtschaftliche Nutzbauten. Auch die Gebäude für die Gutsarbeiter wurden erneuert. Zu diesen Bauten zählte unter anderem die Schmiede. Südlich des Hofes lagen ein Mühlengebäude und das Forsthaus. Die Gutsanlage reichte über den eigentlichen Hof hinaus und schloss die Vorwerke Mittelhof und Oevelgünde ein. Sie bildeten gemeinsam mit den landwirtschaftlichen Flächen die wirtschaftliche Grundlage des Besitzes. Das Gut war ein landwirtschaftlicher Großbetrieb mit rund 1.577 Hektar in den Jahren 1929/30, darunter 290 Hektar Wald sowie eine umfangreiche Schafhaltung mit über 1.130 Tieren.
Enteignung und Nutzung nach 1945
Mit der Bodenreform im Herbst 1945 wurde Fritz von Oertzen (1898-1965), der letzte Besitzer aus der Familie von Oertzen, enteignet. Das Herrenhaus erhielt anschließend eine neue Nutzung als Internat für eine landwirtschaftliche Berufsschule. Später diente es als Betriebsschule des Volkseigenen Gutes Jürgenstorf. Die Internatsnutzung bestand bis 1988. Während dieser Zeit fehlten die Mittel für eine umfassende Instandhaltung. Das Gebäude verfiel zunehmend, und Teile der historischen Innenausstattung gingen verloren. Auch der Landschaftspark wurde nur noch unzureichend gepflegt und wuchs stark zu. Ende der 1980er-Jahre plante der Bezirk Neubrandenburg, das Herrenhaus zu einem Schulungszentrum umzubauen, das den Namen Wilhelm Pieck tragen sollte. 1988 begannen dazu die Arbeiten. Ein denkmalpflegerischer Zielplan bezog auch die Parkanlage ein. Mit der politischen Wende wurden die Umbaumaßnahmen jedoch eingestellt. Die begonnenen Arbeiten blieben unvollendet, sodass das Herrenhaus weiterhin sanierungsbedürftig war.
Parallel dazu wurde der Park 1988 und 1989 durch Rodungs- und Auslichtungsarbeiten erneuert. Ziel war es, die historische räumliche Gliederung wieder sichtbar zu machen und die Beziehungen zwischen Herrenhaus, Freiflächen, Gehölzen und Wasserlauf zu stärken. Damit begann die Wiederherstellung der Parkanlage noch vor der umfassenden Sanierung des Schlosses.
1992 erwarb der Berliner Unternehmer Johann Trettler das Herrenhaus. Die Restaurierung orientierte sich an den denkmalpflegerischen Vorgaben und den ursprünglichen Planungen. Zwischen 1993 und 1995 wurde das Gebäude umfassend saniert und zu einem Hotel umgebaut. Von der historischen Innenausstattung blieben einzelne Elemente erhalten. Dazu gehören der Intarsienfußboden des zweigeschossigen Festsaals, ein Fenster mit farbigen Jagdmotiven im Haupttreppenhaus, eingebaute Bücherschränke und ein Kamin aus grünem Marmor in der Bibliothek. Da die bewegliche historische Ausstattung weitgehend fehlte, trug Trettler Möbel und Einrichtungsgegenstände aus verschiedenen Teilen Europas zusammen. Auf diese Weise erhielt das Haus neben seiner neuen Nutzung auch den Charakter eines kleinen Museums. Zur Ausstattung gehörten eine umfangreiche Sammlung von Kronleuchtern und eine historische Bibliothek. 1995 eröffnete Johann Trettler das Schloss-Hotel Kittendorf. Nach seinem Tod 2004 übernahm sein Sohn die Leitung. Am 1. November 2011 wurde unter Führung einiger Unternehmer die Schloss Kittendorf GmbH & Co. KG gegründet. Die Gesellschaft erwarb das Anwesen und veranlasste weitere umfangreiche Renovierungen. Am 16. Mai 2018 übernahm ein Berliner Unternehmer das Anwesen.
Der Verlust des alten Gutshofes
Während das Herrenhaus restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt wurde, gingen die historischen Wirtschaftsgebäude des Gutshofes weitgehend verloren. Der ältere Gutshof hatte sich auf der anderen Seite der Dorfstraße befunden und war räumlich vom Schlossbereich getrennt. Zu ihm gehörten das nach 1751 auf älteren Grundmauern errichtete Gutshaus, die Wirtschaftsgebäude und weitere Nutzbauten. Das alte Gutshaus war ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit hohem Walmdach und rückwärtigen Flügeln. Teile der Wirtschaftsgebäude wurden bereits in den 1960er-Jahren abgebrochen. Weitere Gebäude verschwanden 1992. Die noch vorhandenen Bauten des Gutshofes wurden schließlich 1998 und 1999 beseitigt. Das alte Gutshaus blieb bis in die späten 1990er-Jahre erhalten und wurde am 5. August 1999 abgerissen. Damit ging auch das letzte größere Wohngebäude des Wirtschaftshofes verloren.
Der Verlust der historischen Hofanlage führte zu einer öffentlichen Auseinandersetzung um den Umgang mit den ländlichen Baudenkmalen Mecklenburg-Vorpommerns. Nach der Tellower Erklärung von 1994 und dem Satower Appell von 1995 entstand der Kittendorfer Appell. Er richtete sich gegen die staatlich geförderten Abrisse historischer Gutsanlagen und forderte einen anderen Umgang mit der überkommenen Kulturlandschaft. Für Kittendorf bedeutete der Abbruch, dass die historische Verbindung zwischen Herrenhaus und Wirtschaftshof weitgehend verloren ging.
Neben dem Herrenhaus blieb das sogenannte Schwedenhaus erhalten. Das Wohnhaus entstand 1865 südöstlich des Schlosses für eine schwedische Gesellschaftsdame. Es besitzt vier Giebel, ein steiles Satteldach und einen hervorgehobenen Schornstein. Seine neugotische Gestaltung nimmt den Stil des Herrenhauses auf, bleibt in seiner Größe und Funktion jedoch ein eigenständiger Bestandteil des Schlossumfeldes.
Mit den Abbrüchen verschwanden die baulichen Zeugnisse eines eigenständigen Bereichs der Gutsanlage, in dem sich die landwirtschaftliche Produktion und die Versorgung des Gutes konzentriert hatten. Während das Herrenhaus als architektonischer Mittelpunkt erhalten blieb, gingen die dazugehörigen Wirtschafts- und Wohnbauten weitgehend verloren. Die einstige Trennung von Schloss und Wirtschaftshof ist anhand ihrer Lage auf beiden Seiten der Dorfstraße weiterhin nachvollziehbar. Von der historischen Gutsanlage vermitteln heute vor allem das Herrenhaus, das Schwedenhaus, Teile der Parkanlage, die Kirche und die räumliche Struktur des Geländes einen Eindruck von der früheren Gesamtanlage. Vom späteren Wirtschaftshof blieben dagegen nur die Hofmauer. Der Landschaftspark bewahrt zugleich wesentliche Elemente der landschaftlichen Gestaltung des 19. Jahrhunderts. Seit einigen Jahren ist das Schlosshotel Kittendorf nicht mehr im Betrieb.

