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Gutshaus Tarzow @ Historische Häuser

Gutshaus Tarzow in Mecklenburg-Vorpommern

Am Ufer des kleinen Tarzower Sees erhebt sich das Gutshaus Tarzow in stiller Zurückhaltung. Tarzow liegt rund elf Kilometer südöstlich von Wismar entfernt. Von der Hofseite führt eine alte Kastanienallee auf ein Rondell vor dem Haus zu, das trotz seines heutigen Zustands den früheren Anspruch erkennen lässt. Der Hang zur Seeseite hin öffnete das Gelände zum Wasser und bindet das Haus eng an die Landschaft. Verfallene Wirtschaftsgebäude mit Feldsteinausmauerungen sowie ein Parkbereich umrahmen das Gutshaus.

Die erste bekannte Erwähnung des Dorfes erfolgte am 22. November 1366 unter dem Namen Tarczowe. Der Ortsname wird sprachlich dem alt-slawischen trŭstĭ zugeordnet, das als Bezeichnung für Schilf oder Röhricht interpretiert wird. Ab 1429 findet man den Ort als Tartzow und ab 1432 als Tartzsow. Die Entwicklung Tarzows ist eng mit seiner Funktion als Gutsdorf verbunden. Bis zur Bodenreform bleibt es in dieser Struktur eingebettet, und das zugehörige Lehngut erreicht eine Größe von 600 Hektar, darunter etwa 299 Hektar Wald. Die frühesten bekannten Bezüge zu Tarzow reichen in die Mitte des 14. Jahrhunderts zurück. In diesem Zeitraum begegnet die Familie von Rodenbek/Rodenbeke/Rodenbecke als erster nachweisbarer Adelskreis im direkten Zusammenhang mit dem Ort. Benedict von Rodenbek wird in den überlieferten Registern als Knappe zu Tarzow geführt und erscheint mit seiner Ehefrau Zacharia aus Wendisch Rambow. Sein Bruder Herbert von Rodenbek wird ebenfalls in Bezug zu Tarzow genannt. Außerdem gibt es noch die Brüder Heinrich und Hermann. In einer auf den 12. August 1347 datierten Urkunde treten Benedict und Hermann von Rodenbeck gemeinsam mit Heino von Rodenbeck sowie weiteren Rittern der Region auf. Die Nennung der Brüder ermöglicht ihre eindeutige zeitliche Einordnung in das Jahr 1347 und damit in die Mitte des 14. Jahrhunderts.

Der frühe Nachweis der Nutzung Tarzows findet sich in einer Reihe von Memorialstiftungen. Im Jahr 1446 sind Zahlungen von zwei Mark für Hans Tölner und seine Ehefrau aus Tarzow dokumentiert. Diese Nennung belegt eine Einbindung des Ortes in kirchliche und grundherrliche Strukturen im 15. Jahrhundert.

Der Besitz von Schimm und der enge Zusammenhang mit Tarzow tritt mit der Familie von Barner im frühen 16. Jahrhundert klar hervor. Claus von Barner erwarb am 2. August 1511 von seinem Bruder Lorenz dessen Anteil an Schimm gegen Übergabe seines Hofes in Necheln. Durch weitere Auseinandersetzungen mit seinen Brüdern wurde Claus alleiniger Besitzer des gesamten Dorfes Schimm. Er errichtete dort einen Edelhof mit festem Haus und Wassergraben. Gottschalk von Barner war 1513 und 1514 mehrfach Zeuge bei Veräußerungen seines Bruders Claus aus Schimm und Tarzow, da dieser zwischen 1513 und 1514 umfangreiche Kredite aufnahm. Aus dieser Zeit stammt wohl auch seine große Schuld gegenüber der wohlhabenden Frau Fineke. 1513 lieh er fünfzig Mark lübisch vom Kloster Rühn und weitere Gelder von Geistlichen zu Sternberg und Brüel. Ebenfalls im Jahr 1514, exakt am 10. Januar 1514, veräußerte Claus Pachtgelder aus dem Gut Tarzow, womit Tarzow als Besitz der Barners erstmals eindeutig belegt ist. Am 1. August 1523 unterzeichnete Claus von Barner die sogenannte kleine Union der mecklenburgischen Landstände. Am 25. Januar 1525 verpfändete er erneut Hebungen aus Schimm. 1548 wird Claus als Grenzkenner zwischen den Nechelner Anteilen herangezogen. Er wird im Roßdienstregister von 1521 und im Landregister von 1543 als Lehnsvasall geführt. Claus war zweimal verheiratet. Seine zweite Frau war Dorothea von Hagenow, Tochter des Joachim von Hagenow auf Möderitz. Schimm und Tarzow blieben danach erst im Besitz von Bastian von Barner, später dann im Besitz seines zweiten Sohnes Ulrich von Barner. 1614 stiftete Ulrich von Barner dem Predigerstuhl zu Jesendorf 1000 Gulden. Am 1. Juni 1633 verpfändete Ulrich von Barner den Meierhof Tarzow wegen einer Schuld von 1000 Gulden. Zwischen 1635 und 1637 erlitten Schimm und Tarzow schwere Schäden durch Truppendurchzüge, Plünderungen und Abgaben. Eine erhaltene Aufstellung beziffert die Verluste auf 400 Gulden. Im Jahr 1642 verpfändete Ulrich von Barner das Gut Schimm seinen Mündeln von Stralendorff für 6000 Gulden. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren seine Söhne verschollen. Ein Bericht des Pastors von Jesendorf aus dem Jahr 1651 bestätigt, dass er nicht wusste, ob einer von ihnen lebte. Ulrich von Barner starb wahrscheinlich 1658. Im anschließenden Konkursverfahren wurden Schimm und Tarzow den Gläubigern an Zahlungsstatt zugeschlagen. Neuer Gutsherr über Schimm und Tarzow wurde der Amtmann Jürgen Elmenhoff, der Schwiegersohn Ulrich von Barners. Er hatte bereits 1656 die Stralendorffschen Forderungen von 6000 Gulden aus dem Jahr 1642 auslösen können und war damit Hauptgläubiger.

Der Amtmann veräußerte im Jahr 1684 den Meierhof Tarzow pfandweise auf zwanzig Jahre für 3500 Gulden, behielt aber die Reluitation seitens der Familie von Barner vor. Schimm ging 1695 in den Besitz der Familie Maack. Zahlreiche Familienmitglieder der von Barner bemühten sich um einen Wiedererwerb, darunter Josua von Barner in Neuhof, der im Jahr 1696 einen Lehnbrief vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Wilhelm erhielt, aber 1697 verzichtete. Damit endet der Besitz der Familie von Barner über Schimm und Tarzow.

Der Besitz fiel später an die Familie von Bassewitz, die ihn im Jahr 1768 endgültig übernahm. Erst später kam die Familie von Barner wieder über Sophie Elisabeth Henriette von Barner in den Besitz der beiden Güter. Diese heiratete am 23. April 1764 Ulrich Carl Adolph von Bassewitz (1729–1798). Er war mecklenburgischer Gutsbesitzer und preußischer Offizier im Rang eines Oberstleutnants. Im Jahr 1768 gingen die Güter Schimm und Tarzow in den Besitz von Ulrich Carl Adolph von Bassewitz über. Aus der Ehe gingen neun Söhne hervor, darunter Friedrich Magnus, Adolf, Ulrich und Barthold Johann, sowie sechs Töchter.

Bereits 1764 erbte Ulrich Carl Adolph von Bassewitz das Gut Wendorf, später kam Schönhof dazu. Zwischen 1781 und 1791 erwarb und veräußerte er insgesamt sieben weitere Güter. Von 1786 bis 1791 lebte er auf dem Gut Westenbrügge im Amt Bukow und zog anschließend nach Wismar, wo er bis zu seinem Tod blieb. Nächste Gutsherren wurden Friedrich Magnus von Bassewitz (1773–1858), der älteste Sohn von Ulrich Carl, Regierungspräsident in Potsdam sowie Oberpräsident der Kurmark Brandenburg, und sein Bruder, der Oberstleutnant Ulrich Carl Adolph von Bassewitz (1781–1866). Ulrich Carl übernahm ab 1819 die Geschicke der Güter Schimm und Tarzow zusammen mit seiner Ehefrau Juliane von Pavels. Das Paar bekam zwei Söhne: August Gneomar (1813–1874) und Friedrich Magnus (1815–1852), mecklenburgischer Kammerjunker. Ulrich Carl von Bassewitz stiftete am 15. Juli 1841 einen Fideikommiss über diese beiden Güter, der am 19. Juli 1841 durch Paul Friedrich, Großherzog von Mecklenburg, und den Geheimratspräsidenten Ludwig von Lützow bestätigt wurde. Das Erbe übersprang eine Generation und ging 1867/1868 an den Sohn von Friedrich Magnus, Ulrich Diederich Lorenz Ernst von Bassewitz (1843–1929). Zusammen mit seiner Ehefrau Ida Anna Sophia Johanne von Buch, die vorher mit Curt Friedrich Christoph Hans von Behr verheiratet war, war er bis 1902 Gutsherr der Güter Schimm und Tarzow. Letzter Tarzower Gutsherr aus der Familie von Bassewitz wurde Ulrich von Bassewitz, der das 600 Hektar große Lehngut bis 1927 inne hatte.

Das Gutshaus Tarzow ist ein eingeschossiges, elfachsiges Gebäude des 19. Jahrhunderts. Die Fassade des Putzbaus wird von einem dreiachsigen, zweigeschossigen Mittelrisalit bestimmt, der mit einem Spitzgiebel und einem runden Okulusfenster abschließt. Die Fenster des Risalits sowie die des Haupteingangs sind mit Rundbögen versehen, deren hölzerne Auskleidung sternförmig gestaltet ist. Die Seiten des Hauses schließen mit zweigeschossig ausgebauten Giebelbereichen, die die architektonische Gesamtwirkung des Gebäudes stabilisieren. Das Krüppelwalmdach liegt über dem gesamten Baukörper und bildet die abschließende Form des Hauses. Der Haupteingang wird über eine einläufige Treppe erreicht, die durch seitliche Stützmauern gefasst ist. Die Rückseite des Hauses öffnet sich zum Hang und führt mit einer Geländeneigung direkt zum Tarzower See.

Im Jahr 1929 erwarb der aus Rossow und Fretzdorf stammende Gutsbesitzer Ernst Albrecht von Karstedt (1900–1959) Tarzow. Die Lage seines angestammten Familiengutes Fretzdorf verschlechterte sich in den 1920er Jahren erheblich, weshalb die Familie erhebliche Schulden anhäufte. Hinzu kamen rückläufige Erträge aus der Landwirtschaft, sinkende Preise für Schafwolle und Flachs sowie hohe Hypotheken und Lieferantenschulden. Diese Probleme führten 1928 zur finanziellen Krise. Ernst Albrecht von Karstedt entschied sich daraufhin, Tarzow zu erwerben und seinen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlegen. Er blieb bis 1932 Besitzer von Tarzow. Wegen der Weltwirtschaftskrise und des Zusammenbruchs des Nordwolle-Konzerns, der zuvor die Familie unterstützt hatte, verlor er jedoch große Teile seines Vermögens. Nach der Aufgabe seines Gutes wurde er Offizier und lebte später mit seiner Familie in Süddeutschland.

Letzter Gutsherr auf Tarzow wurde der Fabrikdirektor Dr. Robert Schomann. In diesem Zeitraum fanden umfassende Sanierungen und Modernisierungen statt, die auch die Tagelöhnerhäuser einschlossen. Gleichzeitig wurde Tarzow elektrifiziert.

Das Gut wurde vermutlich mit der Bodenreform im Herbst 1945 enteignet. Die Nutzung in den darauffolgenden Jahren ist unbekannt. Aktuell ist der Zustand des Gutshauses sowie der Reste der Gutsanlage als sanierungsbedürftig zu beschreiben. Einige der Wirtschaftsgebäude wurden bereits von der Denkmalliste gestrichen. Reste der alten Gutsmauer sind noch erkennbar. Die noch vorhandenen Nebengebäude werden teilweise als Wohnhäuser, teilweise als Stallungen genutzt. Einige haben eine Feldsteinausmauerung.

Die historische Gutsanlage umfasst einen ungepflegten, jedoch klar erkennbaren Parkbereich. Eine Kastanienallee bildet die Hauptzufahrt und mündet in das Rondell vor dem Haupteingang. Diese Allee ist eines der am besten erhaltenen Elemente der historischen Gestaltung Tarzows. Der Park erstreckt sich bis zum Hang oberhalb des Tarzower Sees, wodurch sich früher ein weiter Blick über das Wasser ergab. Das Gutshaus Tarzow ist im Privatbesitz. Das Gutshaus in Schimm ist nicht mehr vorhanden.

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