Das Gutshaus Wiepkenhagen liegt unmittelbar an der alten Handelrsroute zwischen Rostock und Stralsund. Historisch gehörte Wiepkenhagen zum Kreis Franzburg und damit zum pommerschen Raum. Das neugotische Gutshaus aus dem 19. Jahrhundert steht unmittelbar an der heutigen Bundesstraße. Hinter dem Gebäude haben sich Grundstrukturen des früheren Landschaftsgartens erhalten.
Der Ortsname verweist auf die mittelalterliche Siedlungsgeschichte der Region. Wiepkenhagen gehört zu den zahlreichen Orten mit der Endung „-hagen“, die im Zuge der deutschen Besiedlung seit dem Ende des 12. Jahrhunderts, verstärkt zu Beginn des 13. Jahrhunderts, entstanden. „Hagen“ bezeichnete einen eingehegten Siedlungsplatz, an dem Wohnhäuser, Ställe, Gärten und Felder angelegt wurden. Der Ortsname Wiepkenhagen wird dabei mit „Wibeke“ beziehungsweise dem althochdeutschen „Vibo“ in Verbindung gebracht. Anders als ältere Siedlungen mit slawischen Ortsnamen gehört Wiepkenhagen damit zu den deutsch geprägten Hagen-Gründungen dieser Siedlungsphase.
Wiepkenhagen und die Familie von Steinkeller
Wiepkenhagen gehörte zur pommerschen Besitzlandschaft der Familie von Steinkeller, eines alten mecklenburgisch-pommerschen Adelsgeschlechts, das seit dem Mittelalter in Mecklenburg und Pommern ansässig war. Für Wiepkenhagen ist insbesondere die pommersche Linie der Familie von Bedeutung. Philipp von Steinkeller saß auf Wiepkenhagen und begründete die Rötzenhagensche Linie. Seine Verbindung zu Wiepkenhagen ist durch eine Ehestiftung mit Ursula von Kleist, der Tochter des Stiftischen Landraths Carsten Kleist zu Zeblin und Drenow, vom 7. Februar 1625 unmittelbar belegt. Philipp von Steinkeller war fürstlich pommerscher Stallmeister und wurde 1623 mit Rötzenhagen belehnt. Die Familie von Steinkeller besaß das frühere Bauerndorf Wiepkenhagen als altes Lehngut bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Vom Lehngut zum wechselnden Besitz
Nach der Besitzzeit der Familie von Steinkeller begann eine bewegtere Phase der Gutsgeschichte. Das Gut wechselte über mehrere Gläubiger sogenannte Creditoren mehrfach den Besitzer. 1691 pachteten Johan Boye und Carsten Otte gemeinsam mit ihrem Schwiegervater Casten Schwiebe das inzwischen öde gewordene Dorf. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts lässt sich Philipp Christian von Normann mit Wiepkenhagen verbinden, der das Gut erwarb. Im März 1745 wird Philipp Christian von Normann als Erbherr auf Wiepkenhagen und als Patron des Gutes genannt. Er starb 1749. Die Bezeichnung als Stiefelehen ergänzt die Besitzgeschichte um eine wichtige rechtliche Einordnung. Wiepkenhagen war damit nicht lediglich landwirtschaftlicher Besitz, sondern in eine überkommene lehnsrechtliche Ordnung eingebunden. Die Verbindung von Gutsherrschaft und Patronat wird auch in den späteren kirchlichen Angaben sichtbar. Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts liegen einzelne Hinweise auf finanzielle und wirtschaftliche Vorgänge vor. Eine Akte von 1765 nennt den Kauf des Gutes Wiepkenhagen mit Zubehör für 23.000 Reichstaler.
Von Stumpfeldt über Melms und Rust zur Familie Rewoldt
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts befand sich Wiepkenhagen im Besitz von von Stumpfeldt. Der Schwedisch-Pommersche Staatskalender von 1803 führt von Stumpfeldt als Besitzer von Wiepkenhagen. Zugleich erscheint der Name im Zusammenhang mit dem Patronat von Ahrenshagen. 1819 kam es zum Verkauf des Gutes. In einer Bekanntmachung des Königlichen Hofgerichts zu Greifswald werden die Kaufgelder der verkauften Güter Plennin und Wiepkenhagen im Zusammenhang mit den Gläubigern des Herrn von Stumpfeldt behandelt. Für die Zeit danach tritt C. F. Melms hervor. Eine Verkaufs- beziehungsweise Pachtanzeige bezeichnet ihn als Anbieter des im Ahrenshäger Kirchspiel gelegenen Gutes Wiepkenhagen. Melms ist jedoch spätestens vor 1847 als Besitzer des Gutes nachweisbar.
1847 wird der nächste Besitzwechsel ausdrücklich dokumentiert. Johann Rust, Gutsbesitzer auf Wiepkenhagen, teilte dem Königlichen Hofgericht mit, dass er das Gut nebst seinen Pertinenzien von dem früheren Besitzer Christian Adolph Melms gekauft hatte. Der Kauf umfasste das Gut mit den dazugehörigen Ländereien, Gebäuden und sonstigen Pertinenzien sowie dem toten und lebenden Inventar. Die Besitzgeschichte führt anschließend zur Familie Rewoldt. Für 1887 ist ein Rittergutsbesitzer Rewoldt auf Wiepkenhagen belegt. 1928 gehört das 547 Hektar große Rittergut Wiepkenhagen Wilhelm Rewoldt.
Das Gutshaus um 1880
Das heutige Gutshaus entstand um 1880 beziehungsweise 1880/90. Dabei wurde ein älterer Bau neugotisch überformt. Der rechteckige, neunachsige und zweigeschossige Putzbau mit Mezzaningeschoss steht über einem hohen, abgesetzten Kellergeschoss und besitzt ein flaches Walmdach. Die Fassaden sind sowohl horizontal als auch vertikal gegliedert. Ein profiliertes Gurtband zieht sich über das Gebäude. Unterhalb der Traufe verläuft ein Arkadenfries, der zugleich Bodenfenster aufnimmt. Die Gebäudeecken werden durch Pilaster hervorgehoben. Ihre vertikale Wirkung wird durch die paarweise angeordneten Fenster verstärkt. Besonders reich gestaltet ist der Mittelrisalit der Vorderseite. Er nimmt den Eingang auf und wird durch Pilaster gefasst. Die dreiteilige Eingangstür erstreckt sich über die Breite des Risalits und liegt unter einem Segmentbogen. Die Tür wird durch die aufwendige Scheibensprossung der Fenster besonders hervorgehoben. Das Obergeschoss des Mittelrisalits wird von einem geradlinigen Giebel abgeschlossen. Darin sitzen Kleeblattbogenfenster. Auch die übrigen Fenster des Obergeschosses greifen diese Formensprache auf. Die vertikale Betonung setzte sich ursprünglich bis in kleine turmartige Aufsätze fort. Die Pilaster an den Gebäudeecken und der Mittelrisalit trugen Glockentürmchen. Ein Exemplar dieser Türmchen ist noch vorhanden.
1930: Ende des Rittergutes
Eine entscheidende Zäsur brachte das Jahr 1930. Wilhelm Rewoldt musste das Gut aufgrund der damaligen landwirtschaftlichen Notlage verkaufen. Die Aufzeichnungen des Pastors in Ahrenshagen nennen als Gründe hohe Schuldzinsen, schwankende Getreidepreise und geringe Erträge aus Viehhaltung und Milchwirtschaft. Rewoldt verzog anschließend nach Neuenkirchen bei Greifswald. Mit dem Verkauf endete die Geschichte Wiepkenhagens als geschlossenes Rittergut. Die Landwirtschaftliche Siedlungsgenossenschaft Berlin übernahm den Betrieb und siedelte die Flächen mit Bauernfamilien auf. Die große zusammenhängende Gutsfläche wurde damit aufgeteilt und einer neuen landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Das Gutshaus erhielt gleichzeitig eine andere Funktion. Im Gebäude entstand eine Gastwirtschaft.
Das Gutshaus nach 1990
1993 wurde das Gutshaus an einen Rostocker Rechtsanwalts verkauft, der das Gutshaus umfangreich sanierte. Die Arbeiten erfolgten schrittweise und reichten bis 1997. Im Gutshaus entstanden Wohnungen, der Saal wurde für Veranstaltungen genutzt.
Vom ursprünglichen Gutshof sind heute nur wenige Spuren erhalten. Die Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Gutshofes bestehen nicht mehr. Erhalten geblieben sind Teile der historischen Zufahrt und des Kopfsteinpflasters, die noch auf die frühere Hofanlage hinweisen. Auch die Grundzüge des einstigen Landschaftsgartens sind noch vorhanden. Das Gutshaus selbst hat seine charakteristische Architektur des späten 19. Jahrhunderts weitgehend bewahrt.

