Ein trauriger Anblick ist das Gutshaus Beckentin, ein Domänenpächterhaus in der Nähe von Grabow und unmittelbar an der Landesgrenze zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Der Meynbach fließt an der südlichen Gemeindegrenze in Richtung Alte Elde. Von dem einstigen Pachthof ist die ursprüngliche Geschlossenheit der Anlage nur noch in Teilen erhalten. Das Gutshaus steht südlich des ehemaligen Hofes, während die Dorfstraße heute einen Teil des früheren Hofraumes einnimmt. Einige Wirtschaftsgebäude haben sich erhalten und wurden zu Wohnhäusern umgebaut. Vor dem Gutshaus liegt eine Bushaltestelle an der Stelle des einstigen Rondells.
Die Besiedlung der Gegend reicht weit zurück. In den Gemarkungen von Beckentin und Kremmin wurden Urnen aus der Bronzezeit gefunden, die später in das Heimatmuseum Grabow gelangten. Auch eine Kupfermünze des römischen Kaisers Severus Alexander aus dem Jahr 227 wurde entdeckt. Aus wesentlich späterer Zeit stammt die erste bislang fassbare Nennung Beckentins. 1273 begegnet der Ort als „Běgotin“. Der Name wurde auf den Personennamen Běgota zurückgeführt. Im Mittelalter gehörte Beckentin zumindest teilweise zum Besitz der Familie von Bösel, deren Name auch in den Schreibweisen Bosel und Bozel begegnet. Die Familie war auf Goldbeck bei Wittstock in der Prignitz ansässig und besaß außerdem Repzin als Lehen.
Die mittelalterlichen Besitzverhältnisse waren jedoch nicht mit dem späteren geschlossenen Pachthof gleichzusetzen. Rechte an Höfen, Hufen und den daraus fließenden Einkünften konnten bei unterschiedlichen Familien liegen. Einen genauen Einblick gibt eine Urkunde vom 30. November 1388. Wipert von Lützow verpfändete Margarete Wakker einen Wispel Roggen aus einem Hof und anderthalb Hufen zu Beckentin. Zu den damit verbundenen Rechten gehörten Nutzungen, Früchte, Dienste und Abgaben. Für die Wiederlösung wurden 23 Mark lübisch festgesetzt. An der Urkunde hingen vier Siegel. Neben Wipert von Lützow besiegelten Hermann von Lützow, Hinrich Darges und Ludolf Ditzan das Rechtsgeschäft. Die Urkunde zeigt damit zugleich, dass gegen Ende des 14. Jahrhunderts auch die Familie von Lützow über konkrete Rechte und Einkünfte in Beckentin verfügte. Auch die Familie von Pinnow verfügte gegen Ende des 14. Jahrhunderts über Rechte in Beckentin. verknüpft. Laut einer historischen Urkunde vom 11. Juli 1399 wurden die Knappen Heino, Hermann und Arend von Pinnow vom Mecklenburger Herzog Albrecht mit den Dörfern Beckentin und Klenow (Kleinow) belehnt. Ein weiterer namentlich erwähnter Angehöriger, Heinrich Pinnow, saß zeitweise wegen Seeraubs in Rostocker Gefangenschaft, bevor er ebenfalls Rechte an diesen Besitzen erhielt.
Neben den weltlichen Besitzverhältnissen besaß Beckentin eine eigene kirchliche Struktur. Beckentin und Kremmin bildeten im Mittelalter eine gemeinsame Parochie. Beide Orte hatten eigene Kirchen, wobei Kremmin Filialkirche von Beckentin war. Diese kirchliche Eigenständigkeit bestand jedoch nicht dauerhaft. Um 1656 gab es in Beckentin bereits keinen eigenen Pastor mehr. Die Kirche wurde nicht mehr genutzt und stand leer, blieb als Bauwerk aber noch mehr als ein Jahrhundert erhalten.
Im 16. Jahrhundert lässt sich Beckentin weiterhin als bäuerlich geprägter Ort fassen. Für die Bevölkerung dieses Jahrhunderts wurden keine slawischen Familiennamen festgestellt. Beckentin gehörte zugleich zu den Orten, für die ein Landbesatz von einer Mark je Hufe festgesetzt war. 1575 war Jürgen Wagel, erbgesessen auf Pinnow, mit Beckentin verbunden. Er besaß zugleich die Hälfte des Patronats über die Beckentiner Kirche. Damit lag bei ihm nicht allein grundherrschaftlicher Besitz, sondern auch ein Teil der mit der Kirche verbundenen Rechte.
Eine grundlegende Veränderung der Besitzverhältnisse vollzog sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Herzog Ulrich hatte die Güter Schofin und Beckentin mit eigenen Mitteln erworben. Am 2. Oktober 1601 überließ er beide seiner Gemahlin Anna. Die Güter lagen bei ihren Leibgedingsämtern Walsmühlen und Grabow. Beckentin wurde damit in den landesherrlichen Besitzkomplex um Grabow einbezogen und entwickelte sich in der Folge zum Domanialgut beziehungsweise landesherrlichen Pachthof. Das Amt Grabow hatte eine eigene, weit zurückreichende Geschichte. Bis 1293 gehörte es zur Grafschaft Dannenberg und war seit 1320 mecklenburgisch. Von 1603 bis 1626 und erneut von 1658 bis 1665 diente es als fürstlicher Witwensitz, zwischen 1669 und 1725 als Residenz einer jüngeren fürstlichen Linie. Beckentins weitere Entwicklung vollzog sich innerhalb dieser landesherrlichen Verwaltungsstruktur.
Während sich der Ort zunehmend in diese Strukturen einfügte, verlor die Beckentiner Kirche ihre ursprüngliche Funktion. Nachdem sie bereits um 1656 ohne Pastor und ungenutzt geblieben war, gestattete Herzog Friedrich 1775 ihren Abbruch. Die Steine des alten Kirchengebäudes wurden für das Fundament eines Hauses auf dem Beckentiner Pachthof verwendet. Dieser Vorgang bildet einen wichtigen Anhaltspunkt für die Baugeschichte des Hofes. Ob das damals unter Verwendung des älteren Baumaterials errichtete oder veränderte Haus vollständig mit dem heute erhaltenen Gutshaus gleichzusetzen ist, lässt sich jedoch nicht eindeutig bestimmen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird die Geschichte des Beckentiner Pachthofes auch durch die Namen seiner Pächter zunehmend greifbar. Zunächst war über mehrere Jahrzehnte die Familie Burmeister mit dem Hof verbunden. Georg Friedrich Burmeister führte Beckentin bis 1822, anschließend erscheint bis 1825 August Burmeister. Nach den Burmeisters folgte 1831 Andreas Heinrich Krogmann, dessen Zeit in Beckentin nur kurz währte. Bereits im folgenden Jahr übernahm Christian Bühring die Bewirtschaftung und blieb fast zwei Jahrzehnte auf dem Pachthof. In diese Zeit fällt auch eine Entwicklung, die unmittelbar mit der Grenzlage Beckentins zusammenhing. 1831 wurde an der Straße von Gadebusch nach Hamburg eine Contumazanstalt eingerichtet. Mit Carl Albert Friedrich Julius Hoppenrath (1820-1878) begann 1851 eine weitere lange Pachtzeit. Er blieb bis zu seinem Tod in Beckentin und führte den Hof damit mehr als ein Vierteljahrhundert. Unter Hoppenrath lässt sich auch die Größe des landwirtschaftlichen Betriebes genauer fassen. In den 1860er Jahren umfasste Beckentin rund 1.687 Morgen. Nach seinem Tod führten zunächst seine Erben den Pachthof weiter.
Wenige Jahre später ging die Bewirtschaftung an die Familie Evers über. Spätestens 1883 hatte N. Evers den Hof übernommen, der zu dieser Zeit rund 595 Hektar umfasste. Nach ihm blieb Beckentin zunächst bei seinen Erben, bevor zu Beginn der 1890er Jahre W. Evers die Pachtung fortführte. In die Zeit von W. Evers fiel ein schwerer Brand, der am 7. September 1899 einen Teil des Wirtschaftshofes zerstörte. Während eines Gewitters schlug ein Blitz in die Anlage ein und setzte zwei große massive Scheunen in Brand, in denen sich ein erheblicher Teil der Ernte befand. Die Gebäude konnten nicht gerettet werden. Die aus den umliegenden Ortschaften herbeigeeilten Spritzen verhinderten jedoch, dass das Feuer auf die benachbarten Bauten übergriff. Unter den geretteten Gebäuden befanden sich noch mehrere mit Strohdächern. Der Brand blieb damit auf einen Teil der Wirtschaftsgebäude beschränkt. W. Evers führte Beckentin noch bis in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Um 1910 hatte der Pachthof mit knapp 600 Hektar eine beträchtliche Ausdehnung.
Wenig später wechselte die Pachtung zu Hans Techen. Mit ihm begann die letzte lange Pächterzeit vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Techen führte den Hof auch über den Ersten Weltkrieg hinaus. Beckentin gehörte weiterhin zum Domanium und wurde 1924 als Pachthof geführt. Neben dem großen landwirtschaftlichen Betrieb bestanden im Dorf mehrere Büdner- und Häuslerstellen. Hans Techen übernahm neben seiner Tätigkeit als Pächter zugleich öffentliche Aufgaben. In den 1920er Jahren war er Schulze von Beckentin. 1937 wurde Beckentin schließlich ausdrücklich als staatliche Domäne bezeichnet. Der Ort zählte zu dieser Zeit 134 Einwohner. Hans Techen führte die Domäne weiterhin und war inzwischen zugleich Bürgermeister. Bis 1945 blieb er Pächter und stand damit mehr als drei Jahrzehnte an der Spitze des Beckentiner Betriebes.
Das heute erhaltene Gutshaus geht in seinem Kern auf einen Fachwerkbau des 18. Jahrhunderts zurück. Seine älteste Bausubstanz wird in die erste Hälfte beziehungsweise Mitte des Jahrhunderts eingeordnet. Eine genaue Datierung bleibt jedoch offen, zumal 1775 die Steine der abgebrochenen Beckentiner Kirche für das Fundament eines Hauses auf dem Pachthof verwendet wurden. Ob diese Nachricht unmittelbar das heutige Gutshaus betrifft oder einen anderen Bau des Hofes, ist ungewiss. Der ursprüngliche Bau war ein langgestrecktes, eingeschossiges Fachwerkhaus mit neun Achsen und einem hohen Krüppelwalmdach. Er erhebt sich auf einem kräftigen Feldsteinfundament, während das weit herabreichende Dach den schlichten Baukörper bis heute wesentlich prägt. Das Fachwerk wurde später mit Ziegelmauerwerk verkleidet, blieb an der Rückseite jedoch teilweise sichtbar. Dort haben sich auch Kreuzstockfenster aus der älteren Bauphase erhalten. Eine wesentliche Veränderung erfuhr das Gutshaus um 1910, als die Eingangsseite umgestaltet und die Mitte des Hauses durch einen zweigeschossigen Vorbau hervorgehoben wurde. Zwei spitze Giebel rahmen seitdem den dreiteiligen Eingang und führen die Fassade über die Traufe hinaus. Helleres Ziegelmauerwerk bildet in den Giebelfeldern ornamentale Muster und hebt sich von der übrigen Backsteinverkleidung ab. Eine einläufige Freitreppe mit Granitstufen und seitlichen Wangen führt zum Eingang. Darüber liegt ein altanartiger Vorbau mit einem vom Obergeschoss zugänglichen Austritt. Auch dessen Brüstung erhielt eine ornamentale Gestaltung aus Ziegelmauerwerk. Der Umbau gab der zuvor gleichmäßig gelagerten Fassade eine deutlich hervorgehobene Mitte.
An der Rückseite blieb der Charakter des älteren Pächterhauses wesentlich stärker erhalten. Die Fassade folgt hier einer ruhigen, symmetrischen Achsengliederung. In ihrer Mitte liegt eine Tür-Fenstergruppe, der eine Freitreppe vorgelagert war. Daran schloss sich eine Terrasse zum rückwärtigen Bereich der Anlage an, die später einstürzte. Vor allem die erhaltenen Kreuzstockfenster und die noch sichtbaren Partien des Fachwerks lassen an dieser Seite die ältere Baugestalt erkennen. So erzählt das Gebäude seine Entstehung in zwei deutlich voneinander unterscheidbaren Schichten. Unter der späteren Ziegelverkleidung blieb der langgestreckte Fachwerkbau des 18. Jahrhunderts erhalten, während die um ca. 1910 neu gestaltete Eingangsseite dem Gutshaus sein bis heute prägendes Erscheinungsbild gab. Auch die Umgebung des Hauses veränderte sich tiefgreifend. Vom ehemaligen Gutshof war in den 1990er Jahren nur noch ungefähr die Hälfte als historische Anlage erkennbar. Ein Teil des früheren Hofraumes war in der Dorfstraße aufgegangen. Einige der erhaltenen Wirtschaftsgebäude wurden zu Wohnhäusern umgebaut. Das frühere Rondell vor dem Gutshaus wich einer Bushaltestelle. Hinter dem Haus blieb lediglich ein Rest des Parks bestehen. Kleinere Siedlungshäuser kamen im Umfeld hinzu.
Über die unmittelbaren Veränderungen des Jahres 1945, eine mögliche Enteignung im Zuge der Bodenreform und die konkreten Nutzungen des Gutshauses während der folgenden Jahrzehnte liegen keine hinreichend genauen Angaben vor. Fest steht jedoch, dass das ehemalige Pächterhaus weiterhin zu Wohnzwecken genutzt wurde. Diese Nutzung hielt bis 1996 an. In diesem Jahr zogen die letzten Mieter aus. Danach stand das denkmalgeschützte Gebäude leer und war Vandalismus ausgesetzt.
1998 gehörte das Gutshaus zur Gemeinde Kremmin. Zu diesem Zeitpunkt war die einstige Domanialanlage bereits stark verändert. Der große Wirtschaftshof, der über Jahrhunderte den Mittelpunkt Beckentins gebildet hatte, bestand nicht mehr als geschlossene landwirtschaftliche Einheit. Erhalten blieben das Gutshaus, einzelne umgenutzte Wirtschaftsgebäude, Reste des Parks und Teile der alten räumlichen Struktur. Im Gutshaus selbst lassen sich trotz der späteren Ziegelverkleidung und der veränderten Eingangspartie noch unterschiedliche Schichten seiner langen Baugeschichte erkennen, vom älteren Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach und Kreuzstockfenstern bis zum repräsentativer gestalteten Eingang der Zeit um beziehungsweise nach 1900. Mittlerweile kann man das Gutshaus als ruinös bezeichnen und sucht einen Gutshausretter.

