Das Gutshaus Vaschvitz steht im Nordwesten der Insel Rügen in einer weiten, von Feldern und offenen Niederungen geprägten Landschaft. Über Jahrhunderte entwickelte sich hier eine Gutsanlage, deren Geschichte eng mit dem benachbarten Gut Granskevitz verbunden ist. Das heute erhaltene Herrenhaus entstand vergleichsweise spät, während die Geschichte des Ortes selbst bis weit in das Mittelalter zurückreicht. Sie führt von einer Siedlung mit slawischen Wurzeln über den jahrhundertelangen Besitz des Klosters Bergen und die landesherrliche Verwaltung bis zur Ausbildung eines Gutshofes, der zunächst mit der Familie von Platen und anschließend über mehrere Generationen mit der Familie von Schultz verbunden war.
Die älteste überlieferte Namensform des Ortes lautet Vaschuiz. Später erscheinen zahlreiche weitere Schreibweisen, darunter Wasschervitz, Vaschvitz, Waschervitz, Varschvitze, Varsecouitze und Varskeuitze. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen führen den Ortsnamen auf die slawischen Formen vruškevice beziehungsweise vrškevice zurück. Als Namensgrundlage wird der Personenname Vrušek beziehungsweise Vršek angesehen, während der Wortstamm vrch die Bedeutung „Gipfel“ trägt. Die wechselnden Schreibweisen spiegeln die jahrhundertelange sprachliche Entwicklung Rügens wider und verdeutlichen zugleich das hohe Alter der Siedlung.
Im Jahr 1250 wird Vaschvitz im Zusammenhang mit dem Besitz des Zisterzienserinnenklosters Bergen urkundlich genannt. In jenem Jahr bestätigte Papst Innozenz IV. dem Zisterzienserinnenkloster Bergen dessen Ordensstatuten und sämtliche Besitzungen. Unter den zahlreichen Dörfern wird ausdrücklich auch Vaschvitz genannt. Das Dorf gehörte damit zu den ältesten nachweisbaren Besitzungen des Klosters Bergen. Eine spätere Zusammenstellung der Klosterbesitzungen nennt Vaschvitz ebenfalls und vermerkt, dass das gesamte Dorf dem Kloster sowohl 1250 als auch 1525 bestätigt wurde. Weitere Nachrichten aus dieser frühen Zeit sind nur spärlich überliefert, dennoch wird deutlich, dass Vaschvitz über Jahrhunderte hinweg ununterbrochen zum klösterlichen Grundbesitz gehörte. Auch aus dem frühen 14. Jahrhundert sind einzelne Angaben erhalten. 1314 umfasste der Ort zehn Hakenhufen, womit sich Vaschvitz als bedeutendes Dorf innerhalb des klösterlichen Besitzes erkennen lässt. Die wirtschaftliche Grundlage bildete damals die Landwirtschaft, deren Erträge dem Kloster Bergen zuflossen. Mit der Reformation endete die lange Verbindung Vaschvitz’ mit dem Kloster Bergen. Der Ort fiel an das landesherrliche Domanium und wurde fortan unter veränderten Besitz- und Verwaltungsverhältnissen geführt. 1624 beziehungsweise 1625 wurde Vaschvitz als Pertinenz des Gutes Udars eingerichtet. Ende des 17. Jahrhunderts bestand das Amtsdorf aus drei Vollbauernhöfen und fünf Kossatenhöfen. Noch vor 1731 veränderte sich die Struktur des Dorfes grundlegend. Anstelle der bisherigen Bauernhöfe entstand ein Gutshof, womit die Entwicklung vom bäuerlich geprägten Dorf zu einer Gutswirtschaft eingeleitet wurde. Über die frühen Eigentümer liegen nur wenige Nachrichten vor. Überliefert ist, dass die Familie von Normann das Gut in früheren Jahrhunderten besessen haben soll. Im 17. Jahrhundert gelangte es an die Familie von Wolffradt. Aus deren Konkurs erwarb Carl Bogislaw von Usedom das Gut 1735. Lange blieb es jedoch nicht in seinem Besitz. 1743 veräußerte er Vaschvitz an Bogislaw Behrend von Platen, der den Gutshof 1745 als Nebenhof des Gutes Granskevitz einrichtete. Damit begann eine über ein Jahrhundert währende Verbindung mit Granskevitz.
Später gehörte der Güterkomplex Carl Christian Gottlieb von Platen (1769-1846). Seine Tochter Agatha Karolina von Platen (1803-1851) entstammte der Dornhofer Linie der Familie von Platen und hatte am 10. Juni 1821 den aus der Uckermark kommenden Hans Friedrich Gustav von Schultz (1794-1853) geheiratet. Dieser hatte eine militärische Laufbahn eingeschlagen und diente als Rittmeister im königlich schwedischen Husarenregiment von Mörner. Die Familie von Schultz wurde am 3. Januar 1789 in Wien in den Reichsadelsstand erhoben. Nach dem Tod Carl Christian Gottlieb von Platen im Jahr 1846 erbte Agatha Karolina von Platen den Besitz mit Granskevitz, Vaschvitz und Dwarsdorf. Auf diese Weise gelangte der Güterkomplex in die Familie von Schultz. Vaschvitz blieb dabei eng mit Granskevitz und Dwarsdorf verbunden und wurde innerhalb dieses größeren Besitzkomplexes bewirtschaftet. Nach dem Tod Agatha Karolinas im Jahr 1851 und Hans Friedrich Gustavs zwei Jahre später war die Besitznachfolge zunächst nicht eindeutig geregelt. Nach einer späteren familiengeschichtlichen Überlieferung sollten die Söhne entsprechend einer testamentarischen Bestimmung durch Los über den Besitz entscheiden. Demnach fiel das Los zweimal auf den Sohn Hermann. Nach dessen Tod im Jahr 1862 wurde sein Bruder Robert Carl Moritz Wilhelm von Schultz (1835-1906) Mitbesitzer. Robert hatte zunächst eine Offizierslaufbahn im preußischen Husarenregiment Nr. 12 eingeschlagen, war jedoch 1861 aus dem Militärdienst ausgeschieden und hatte Granskevitz als Pächter übernommen. Als 1865 auch sein Bruder Gustav starb, wurde Robert alleiniger Besitzer von Granskevitz, Vaschvitz und Dwarsdorf. Damit waren die drei Güter unter seiner Leitung vereint. Vaschvitz wurde weiterhin innerhalb dieses Güterverbundes bewirtschaftet, besaß jedoch eine eigene Hofanlage. Das Gut umfasste rund 270 Hektar. Am 1. August 1862 heiratete Robert in Poggenhof Hedwig Carolina Elisabeth von Platen (1842-1922).
Nach Robert Carl Moritz Wilhelm von Schultz ging Vaschvitz an seinen Sohn Christoph Karl Theodor Albrecht von Schultz (1863-1930) über. Er war Landwirt und hatte ebenfalls eine militärische Laufbahn eingeschlagen. In den genealogischen Aufzeichnungen wird er als königlich preußischer Hauptmann außer Dienst sowie als Major geführt. Am 28. Mai 1890 heiratete er im schwedischen Lund Anna Sofia von Essen af Zellie (1872-1949). Für das Jahr 1939 ist schließlich sein Sohn Major der Reserve Robert Carl Christoph von Schultz (1897-1941) als Eigentümer des nun mit 240 Hektar angegebenen Rittergutes Vaschvitz überliefert. Neben dem Rittergut bestand im Ort zu dieser Zeit außerdem ein etwa 20 Hektar großer Hof von Hans Bode.
Der Zweite Weltkrieg brachte einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Familie und des Gutes. Robert von Schultz starb 1941 im Krieg in Russland. Sein Sohn Carl Christoph von Schultz (1923-1943), der als Erbe der nächsten Generation vorgesehen war, starb 1943 ebenfalls als Soldat in Russland. Das Gut selbst blieb zunächst im Besitz der Familie. Mit der Bodenreform nach 1945 wurde der noch im Besitz der Familie befindliche Grundbesitz enteignet und damit die langjährige Verbindung der Familie von Schultz mit Vaschvitz beendet. Die Mutter des als Erben vorgesehenen Carl Christoph von Schultz, Ilse von Schultz-Vaschvitz (1896-1967), lebte nach der Enteignung in Bonn, wo sie 1967 starb. Noch bevor die traditionelle Gutswirtschaft mit der Bodenreform endete, hatte sich die Nutzung des Herrenhauses verändert. Während des Zweiten Weltkrieges fanden Flüchtlinge im Gutshaus Vaschvitz Unterkunft. Nach Kriegsende setzte sich diese Entwicklung fort. Während der DDR blieb das Gebäude dauerhaft bewohnt und diente als Wohnhaus. Anders als zahlreiche Gutshäuser auf Rügen, die nach 1945 leer standen oder schrittweise abgetragen wurden, blieb Vaschvitz dadurch zwar erhalten, doch fehlten über Jahrzehnte die Mittel für eine grundlegende Bauunterhaltung. Die notwendige Instandsetzung unterblieb weitgehend, sodass sich der bauliche Zustand zunehmend verschlechterte. Schließlich war das Gebäude so stark geschädigt, dass auch die letzten Bewohner auszogen.
Erst Mitte der 1990er Jahre begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Hauses. Eine Familie aus Berlin erwarb das inzwischen stark sanierungsbedürftige Gutshaus und leitete in den folgenden Jahren eine umfassende Instandsetzung ein. Ziel war es, den historischen Charakter des Gebäudes zu bewahren und zugleich eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen. Die Sanierung orientierte sich an der überlieferten Gestalt des Hauses. Charakteristische Bauteile wie die gegliederten Fassaden, die Frontispize, die Dachlandschaft und weitere historische Details blieben erhalten oder wurden nach historischem Vorbild wiederhergestellt. Seitdem wird das Gutshaus wieder dauerhaft genutzt. Die ehemaligen Wohnräume wurden zu mehreren Wohnungen umgestaltet und sichern dem Gebäude bis heute eine kontinuierliche Nutzung. Auch Teile der historischen Wirtschaftsgebäude erhielten eine neue Aufgabe. Ein ehemaliges Stallgebäude wurde zur Kunstscheune Vaschvitz umgebaut. Heute finden dort Konzerte, Lesungen und Ausstellungen statt.
Baugeschichte und Architektur des Gutshauses Vaschvitz
Die bauliche Entwicklung des Gutshofes reicht bis in das frühe 18. Jahrhundert zurück. Nachdem vor 1731 anstelle der bisherigen Bauernhöfe ein Gutshof entstanden war, bildete sich hier schrittweise das wirtschaftliche Zentrum des späteren Rittergutes heraus. Über die Gestalt der ersten Wohn- und Wirtschaftsgebäude liegen nur wenige Informationen vor. Auch die genaue Entstehungszeit des heute erhaltenen Gutshauses lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht zweifelsfrei bestimmen. In mehreren Angaben wird der Bau an den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Eine Kartierung aus dem Jahr 1836 zeigt an der Stelle des heutigen Herrenhauses jedoch noch ein Fachwerkwohnhaus. Beide Überlieferungen lassen sich nicht ohne Weiteres miteinander vereinbaren. Sicher ist daher lediglich, dass das heute erhaltene Gutshaus im Laufe des 19. Jahrhunderts seine überlieferte Gestalt erhielt.
Das Herrenhaus präsentiert sich als langgestreckter, eingeschossiger und elfachsiger Putzbau, der sich über einem Feldsteinsockel erhebt. Ein Satteldach schließt den klar proportionierten Baukörper ab. Seine architektonische Wirkung beruht vor allem auf der regelmäßigen Gliederung der Fassaden und der deutlichen Betonung ihrer Mittelachsen. An den Trauffronten treten die Eingangsbereiche leicht aus der Fassadenflucht hervor. Darüber erhebt sich jeweils ein dreiachsiger Frontispiz, der in einem kräftig gerahmten Dreieckgiebel endet. In dessen Giebelfeld sitzt jeweils ein Okulus, der die Mittelachse zusätzlich hervorhebt. Die ansonsten langgestreckten Fassaden erhalten durch diese Betonung ihrer Mitte eine klare architektonische Ordnung. Die Dachflächen werden beiderseits der Frontispize von jeweils drei kleineren Gauben mit Dreieckgiebeln gegliedert. Hofseitig tritt zusätzlich eine breite Dachgaube in Erscheinung. Die drei mittleren Achsen der Hoffassade sind als Scheinrisalit gestaltet, sodass auch hier die Mitte des Hauses deutlich hervorgehoben wird, ohne dass ein stark vorspringender Baukörper entsteht. Die verputzten Fassaden werden durch Fugenschnitt gegliedert. An den Gebäudeecken fassen Eckpilaster den Baukörper ein und geben den langgestreckten Fronten einen klaren seitlichen Abschluss. Die Fensteröffnungen folgen grundsätzlich der regelmäßigen Achsenteilung des Hauses, wurden jedoch zum Teil später verändert. In den Hausgiebeln befinden sich Lünettenfenster, während die runden Okuli die Dreieckgiebel der Frontispize akzentuieren. Ein erhaltenes Detail findet sich am Eingang des Hauses. Im Oberlicht der Haustür befindet sich noch eine historische Laterne. Gemeinsam mit der Fassadengliederung, den Giebeln und der regelmäßig aufgebauten Dachlandschaft gehört sie zu den überlieferten Einzelheiten der historischen Gestaltung. Erhalten blieb unter anderem ein ehemaliges Stallgebäude, das später einer neuen Nutzung zugeführt wurde.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts blieb das äußere Erscheinungsbild des Gutshauses weitgehend erhalten, auch wenn die jahrzehntelange Nutzung und der zeitweise fehlende Bauunterhalt ihre Spuren hinterließen. Erst um das Jahr 2000 wurde das Gebäude umfassend instand gesetzt. Die Sanierung orientierte sich an der historischen Gestalt des Hauses und trug wesentlich dazu bei, seine charakteristischen architektonischen Merkmale dauerhaft zu bewahren. Heute vermittelt das Gutshaus wieder ein geschlossenes Bild jener zurückhaltenden klassizistisch geprägten Gutshausarchitektur, wie sie für zahlreiche rügische Herrenhäuser des 19. Jahrhunderts kennzeichnend ist, ohne dabei auf übermäßige repräsentative Wirkung zu setzen.

